Im Februar herrscht Narrenfreiheit. Es ist die Zeit, in der man Wahrheiten servieren darf, solange sie als Witz verkleidet sind. Also decken wir den Tisch für einen ganz normalen Sonntag:
Eine fünfköpfige Familie sitzt mittags zu Tisch um den Hackbraten. Der ist außen dunkel gebräunt, innen saftig, die Sauce glänzt wie ein Versprechen. Daneben dampft das Kartoffelpüree.
Heinz sitzt links. Er arbeitet viel, er verdient gut. Bevor sein Teller ihn erreicht, wird ein ordentliches Stück vom Braten zur Seite geschoben. „Spitzensteuersatz“, flüstert jemand. Heinz nickt tapfer. Er kennt das Ritual. Sein Stück ist überschaubar, aber er lächelt. Immerhin, sagt er, die Mehrwertsteuer sei ja heute noch nicht abgezogen. Man muss den Humor behalten, wenn man aus der Kirche austritt, um sich das Dessert noch leisten zu können.
Neben ihm sitzt Hans, 75, Rentner. Er hat ein paar Aktien, um die Inflation beim Brotpreis nicht zu spüren. Auch von seinem Braten verschwindet ein Eck. „Abgeltung“, murmelt es am Tisch. Hans lächelt schief. Er wollte eigentlich nur, dass sein Teller so voll bleibt wie früher.
Tante Claudia ist noch in der Kirche. Von ihrem Stück fehlt ebenfalls ein Rand. „Tradition“, sagt sie leise und trägt es mit Würde.
Dann kommt die Sauce. Sie ist stundenlang reduziert. Für den maximalen Geschmack. Doch bevor sie den Braten küsst, schöpft eine unsichtbare Kelle ab. Krankenversicherung. Pflege. Rente. Alles sinnvoll, alles wichtig. Niemand widerspricht, aber der Spiegel in der Saucière sinkt verdächtig schnell.
Sogar das Püree bekommt Schlagseite. Hier ein Löffel für die Sicherheit, dort einer für die Solidarität. Für das große Ganze.
Und dann ist da Rosi, die Nichte von Claudia. Rosi liebt Gerechtigkeit – und Püree. Sie findet Umverteilung grundsätzlich richtig, im Sinne eines Sorglos-Pakets für alle. Also wird noch einmal neu arrangiert, damit am Ende alle die exakt gleiche Menge auf dem Teller haben – völlig egal, wer wie viel Hunger mitgebracht oder vorher in der Küche geholfen hat.
Das Kind heißt Ella. Sie bekommt ihren Anteil, klein und fein. Doch kaum setzt sie die Gabel an, wird ein Löffel stibitzt. „Mehrwert“, heißt es. Ella schaut verwirrt. Sie versteht noch nicht, warum „mehr“ eigentlich „weniger“ bedeutet.
Später schlendert Onkel Fritz nach seinem Parteistammtisch vorbei. Er setzt sich dazu, sein Teller ist erstaunlich gut gefüllt. Er lächelt verbindlich und sagt, er verwalte nur, was notwendig sei. Als Ella ihn fragt, warum sein Bratenstück so viel größer ist als ihres, sagt Fritz nur: „Das ist kompliziert, Kleines. Das ist Systemgastronomie.“
Am Ende des Essens sind fast alle Teller erstaunlich leer. Auf manchen klebt noch ein Hauch Sauce, ein einsamer Streifen Hackbraten. Nur einer wirkt wirklich satt.
Mein Fazit als Koch:
In einer guten Küche reduziere ich eine Sauce, damit sie intensiver wird. Ich reduziere sie nicht, bis vom Eigentlichen nichts mehr übrig ist. Teilen gehört dazu. Solidarität ist das Salz in der Suppe. Aber wenn am Ende kaum noch Substanz auf dem Teller bleibt, stellt sich die eigentliche Frage: Wie viel ist eigentlich noch „meins“?
Man gewöhnt sich an kleine Portionen. Und genau das ist das Problem. Wir sollten wieder lernen, den Braten so groß zu machen, dass alle satt werden, ohne dass man dem Nachbarn das Püree neiden muss.
Das kulinarische PS: Trotzdem genießen!
Lassen wir uns den Appetit nicht verderben. Ein guter Hackbraten ist gelebte Zuversicht. Er hält zusammen, was eigentlich zerfallen will. Mein Tipp für diesen Februar: der „Trotzdem-Braten“.
Nehmt bestes Hackfleisch (halb und halb), viel frische Petersilie und ein eingeweichtes, gut ausgedrücktes Brötchen für die Bindung (die wir in der Gesellschaft gerade so dringend brauchen). Bratet ihn scharf im Ofen an und gönnt euch eine Sauce, die so gut ist, dass selbst Onkel Fritz neidisch rüber schielt.
Lust auf das echte Rezept ohne Abzüge? > [Hier geht’s zu meinem klassischen Hackbraten-Rezept auf ThomasSixt.de]

Thomas Sixt ist Koch und Food-Fotograf. Als Buchautor betreibt er den Rezepte-Blog ThomasSixt.de und schreibt die monatliche Foodblog-Kolumne für den Varta-Führer.
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